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Autorin:

Monika Reetz

 

Sie ist Elterncoach,

Personal Coach/

Psychologische Beraterin

in Darmstadt

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Rasmus, Pippi, Michel und Ronja -

Astrid Lindgren und die „Resilienz“

 

Resilienz bezeichnet eine psychische Widerstandskraft: Die Kraft, mit Krisen im Leben einen Umgang zu finden, im günstigsten Fall daran zu wachsen und stärker zu werden. Resiliente Menschen haben ein gesundes Maß an Optimismus. Sie lassen sich von schwierigen Situationen nicht unterkriegen, vertrauen auf ihre Stärken, wissen um ihre Schwächen und suchen nach Lösungen. Wichtig ist ihnen, sozial vernetzt zu sein und Freundschaften zu pflegen.

 

In den Geschichten von Astrid Lindgren wird resilientes Verhalten anschaulich und erfahrbar. So begegnen viele ihrer Figuren den unterschiedlichsten schwierigen Situationen und Problemen. Sie machen sich auf den Weg, diese zu lösen und sind sehr kreativ in ihren Strategien. Dabei übernehmen sie Verantwortung, setzen sich für andere ein, vertrauen auf ihr Können und lassen sich nicht entmutigen.

 

Rasmus ist ein Waisenjunge, der in einem Kinderheim lebt. Er leidet unter der Strenge und Freudlosigkeit des Alltags. Er hofft, dass eines Tages Erwachsene kommen, die ihn als Sohn adoptieren werden, doch es werden eigentlich immer Mädchen mit blonden Locken abgeholt. Also beschließt er, sich selbst Eltern zu suchen: Er rennt aus dem Waisenhaus weg, lebt auf der Landstraße und begegnet bald Oskar, dem Landstreicher. Oskar ist sehr angetan von diesem natürlichen, mutigen Jungen; gemeinsam ersingen sie sich ihre Mahlzeiten und erleben ein Abenteuer, bei dem Rasmus sich mutig für Oskar einsetzt und seine Unschuld in Zusammenhang eines Raubes beweist. Als der Landstreicher und „Gottes Zaunkönig“ im Herbst beschließt, die kalte Jahreszeit doch lieber bei seiner Frau zu verbringen, bleibt Rasmus bei ihm, denn auch Oskars Frau möchte den Jungen gerne bei sich aufnehmen.

 

Rasmus ist überaus lösungsorientiert und sehr optimistisch, dass er Eltern finden wird! Er verzagt nicht, bewahrt sowohl seine Lebensfreude als auch seinen Mut und setzt sich für sich und den gefundenen Vater mutig ein.

 

Pippi Langstrumpfs Vater ist Kapitän in der Südsee, doch auch ihre Mutter lebt nicht mehr. Pippi ist sehr stark, sie macht nur Dinge, die sie wirklich will, lässt sich überhaupt nichts sagen und nicht beirren. Sie ist frei, selbstständig und auf eine charmante Weise von sich selbst überzeugt. Andere Menschen hat sie aufmerksam im Blick und insbesondere für andere Kinder hat sie ein großes Herz.

 

Ronja Räubertochter ist ein Mädchen, das sich bewusst und ganz autonom für ein Leben entscheidet, welches den Grundsätzen des Lebens ihrer Eltern widerspricht. Ronja wächst wohlbehütet in der Mattis-Burg auf, sicher und geborgen inmitten einer Räuberbande! Doch ihre Streifzüge, zunächst alleine im Wald und später gemeinsam mit ihrem Freund Birk, geben ihr die Möglichkeit, frei zu entscheiden, kein Räuberleben zu führen.

 

Auch Michel aus Lönneberga lässt sich von seinem inneren Kurs nicht abbringen, obwohl er als Konsequenz seiner zahlreichen Streiche so manche Stunde im Tischlerschuppen verbringt. Seine Taten verfolgen nie eine böse Absicht, im Gegenteil setzt er sich wiederholt kreativ und sehr entschlossen für das Gute ein.

 

Die Bezogenheit auf andere Menschen, der Blick „für das Ganze“ und die Nöte der Anderen ist eine Eigenschaft, die diese Figuren gemeinsam haben: Das Wohlergehen der Menschen aus ihrem direkten Umfeld ist ihnen sehr wichtig und für diese engagieren sie sich mit ihren Möglichkeiten und unter Verwendung ihrer Ressourcen! Astrid Lindgren kannte vermutlich das Wort „Resilienz“ nicht, und hatte gewiss nicht die Absicht, „lehrreiche“ Bücher zu schreiben. Doch schimmern viele wesentliche Grundlagen über das Mensch-Sein charmant zwischen den Zeilen: Für mich ist es eine ebenso beeindruckende als auch berührende Entdeckung gewesen, dass ihre Figuren, jede auf ihre eigene, individuelle Weise, ausgesprochen resilient sind! Mehr noch: Alle bejahen das Leben. Vor dem Hintergrund der Biografie Astrid Lindgrens, beeindruckend erzählt in dem Film „Astrid“, werden der Charakter und das Wesen ihrer Figuren noch verständlicher.

 

Robert Brooks und Sam Goldstein schreiben, dass resiliente Kinder sich als die fühlen, „die sie sind, und damit als etwas Besonderes, und sie wissen, dass sie wertgeschätzt werden.… Sie haben die Fähigkeit zur Problemlösung und Entscheidungsfindung entwickelt und betrachten folglich Fehler, widrige Umstände und Hindernisse eher als Herausforderungen, denen man sich stellen muss, und nicht als Belastungen, denen man besser aus dem Wege gehen sollte… Sie sind sich ihrer Schwächen und Verletzlichkeit bewusst, sie kennen aber auch ihre Stärken und ihre Begabungen.…

Sie haben wirksame, interpersonale Fertigkeiten sowohl im Verhältnis zu ihren Altersgenossen als auch im Verhältnis zu Erwachsenen entwickelt und können sich Hilfe und Unterstützung in angemessener und unaufgeregter Weise von solchen Erwachsenen holen, die eben diese Unterstützung leisten können.“ (R.Brooks und S.Goldstein: „Das Resilienz-Buch. Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken.“ Klett-Cotta 2015)

 

Eltern, Pädagogen, Lehrer und Erzieher können und sollten in ihrem je eigenen Wirkungsbereich das Resilienzvermögen von Kindern auf vielfältige Weise steigern; in meinen Augen ist dies die zentrale Aufgabe pädagogischer Arbeit! Und einer der vielen möglichen Zugänge dazu könnte das Vorlesen der Bücher von Astrid Lindgren sein!

 

 

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